
Stille Nacht, heilige Nacht, alles zahlt, ALDI lacht. Alle Jahre wieder kommt es mir kurz vor den Feiertagen so vor als wenn die Deutschen Angst hätten, sie müssten zu Weihnachten verhungern. Die Einkaufskörbe können nicht groß genug sein, um das Leben im Wohlfühlstaat Deutschland zu sichern. Wenn es “schlecht” läuft, beschert uns der Kalender zwei Werktage Weihnachtszauber. Für den Großteil der Bevölkerung aber der absolute Graus, sind die Supermarktkassen an diesen Tagen doch wirklich verriegelt. Zwar öffnen die Märkte jeweils am Heiligen Abend gefühlt jährlich immer länger, dass hält aber jung und alt – vor allem alt – nicht davon ab, zu jeder Gelegenheit die Körbe zu füllen und die Geldbörsen zu leeren!
Am Beispiel einer sachsen-anhaltinischen Kreisstadt komm ich aus dem Kopfschütteln kaum raus, so dass ich mir immer Sorgen um meinen Nacken mache. Die Gesellschaft für Konsumforschung betitelt die Region als die mit der geringsten Kaufkraft. 4.414 Euro sollen pro Kopf jährlich ausgegeben werden. Entweder ist dies ein klarer Fall von “Traue keiner Statistik, die Du nicht selber gefälscht hast” oder die Konsumkalauer vom Schreibtisch haben zu tief in den Tetra-Pak-Weißwein geschaut. Was an dem bezeichneten Ort gen Wochenende und vor den so beschaulichen Tagen vor und in den Konsumpalästen abläuft, ist schwer in Worte zu fassen. Ich glaube, sogar am Tag vor dem Weltuntergang werden noch die Persil-XXL-Pakete, die Rinderbraten und der 12er Spar-Pack Küchentücher aus dem Discounter geschoben – man kann ja nie wissen.
Die Parkplätze sind spätestens ab 8.00 Uhr verstopft. Die ältesten Katastrophen-Konsumierer kommen mit dem größten Auto und versuchen natürlich ihr Glück in der kleinsten Parklücke. Das Einpacken wird umso schwieriger, wenn der Hut auf dem Kopf der PKW-Probanten hin und her rutscht, während der Stau auf den viel zu engen Zufahrtstraßen hin zum Einkaufs-Bizarro-Park so langsam in Richtung Autobahn schwappt. Nachdem man sich aus dem KfZ geschält hat und dabei fast mehrmals von Autos und Einkaufswagen überfahren wurde, beginnt der Kampf um die letzten metallischen Auffangbehälter für die Güter des täglichen Bedarfs. Verraten und verkauft ist dabei der Einkaufsjünger, welcher für den Wagen nicht den passenden Chip oder den Euro-Coin bereit hält. Anfänger! Als Profi zeigt sich der, wer sein in der Reihenfolge der Supermarktgänge gefasstes Einkaufsringbuch bereits vom Parkdeck aus in Richtung des nächstmöglichen leeren Wagens schleudert, mit dem Wunsch, diesen zu treffen und dabei schreit: “Das ist mein Korb!” Hat man diesen Teil auf dem Weg zum Shopping-Hades überstanden, besitzt die Person Vorteile, welche vorher an der Playstation ein Slalomtraining absolviert hat. Bereits am Eingang zum Markt positionierten eifrige Azubis drei Meter hohe Türme mit Obst und Gemüse. Während der Geübte hier ohne Probleme ein Ausweichmanöver einschlägt, wartet die nächste Stau-Gefahr auf der Einkaufstour: erzählende Rentner mitten im Gang. Zwar sieht sich die Alt-Community jeden Tag in einem anderen Einkaufstempel, dennoch muss man jetzt hier und sofort und an dieser Stelle stehen bleiben und zum vierten Mal von der Darmresektion berichten. Das Weghören gelingt dabei kaum! So bekommt man jedes noch so kleine Detail in die Ohren, zwischen der eigenen Wahl, ob nun Langkornreis mit oder ohne Duft den Weg mit nach Hause findet.
Je größer der Supermarkt, desto weniger Platz bei der Tortur hindurch, um ohne Unfall den Weg zur Kasse zu finden. Natürlich hat man zudem DEN Einkaufskorb von den 1.000 im Einsatz befindlichen Wagen erwischt, dessen Rollen in jede Richtung wollen, außer in die, wo man selbst hin will. Scheuklappen auf und mitten durch, dies ist meist die einfachste Lösung. Nach 20x “Entschuldigung”, das Wegdrücken von Rabattschildern, Gratisproben und quergehaltenen Regenschirmen der konsumierenden Konkurrenz, erreicht man den Kassenbereich. Von 10 möglichen Terminals sind im besten Fall vier geöffnet. Hier hat man dann die Wahl zwischen Mutter mit brüllendem Kleinkind, schreitendem Rentnerpaar, 88-jähriger Oma, die für die 8. Feldjäger-Kompanie eingekauft hat, der längsten und der kürzestens Schlange. Man wählt die Kürzeste aus. Kaum steht man dort, bemerkt man, dass es natürlich die falsche Entscheidung war, weil ausgerechnet an der hiesigen Kasse nun die Verkäuferin wechselt und ihre portable Geldkassette ohne jeden ersichtlichen Grund nicht in das vorhandene Kassengestell passen will. Man verflucht alles und jeden und zählt, während man in der Schlange steht und der Reis langsam verdirbt, die “Pings”, die jede Kasse macht, wenn ein Produkt über den Scanner gezogen wird. Man bemerkt, dass man an allen Kassen schneller gewesen wäre, ist angesäuert von den grinsenden Portrait-Bildern der Supermarktmitarbeiter, die überlebensgroß von der Decke baumeln und verflucht dabei die Albrecht-Brüder mit ihrer dreisten Discounter-Idee vor zig Jahrzehnten.
Endlich kann man nach gefühlten zwei Stunden Wartezeit seine 1,47 Euro bezahlen. Beim Blick durch die Gänge sieht man, wie die meisten Konsumkonsumierer alles Mögliche kaufen, was sie natürlich gerade jetzt vor und an den Festtagen brauchen bzw. es ihnen ausging. So wie mein Reis, denn der war sowas von nötig! Weil Reis muss man immer im Haus haben, sagte schon meine Oma…
P.S. Während meine Augen die Ausgangstür in den Fokus nehmen, bemerken meine Augenwinkel, wie die Weihnachtsaushilfen bereits mit den Lindt- und Milka-Osterhasen aus dem Lager kommen und die restlichen freien Gänge zustellen. Na dann, Frohes Fest – welches auch immer…!!!
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